Ich bin Digitalpionier, und erziehe meine vier Kinder bewusst bildschirmfrei. Nicht aus Technikfeindlichkeit, sondern weil ich weiß, was Bildschirme mit Kindern machen.
„Ohne digitale Geräte sind Kinder öfter gelangweilt. Für Eltern bedeutet das sicherlich, dass man auch mal eine Extrameile gehen muss."Philipp Depiereux im GEO-Interview, März 2026
Vier Kinder, klare Regeln, gelebte Praxis. Was nach Radikalität klingt, ist das Ergebnis von Jahren Trial-and-Error.
Im KI-Zeitalter wird oft über die digitale Kompetenz von Kindern gesprochen. Dabei übersehen wir, was Maschinen nicht können. Empathie, Sozialkompetenz, echte Kommunikation, echtes Teamwork. Genau hier wird der Mensch im Wettbewerb mit der KI nicht ersetzt, sondern unverzichtbar.
Vier dieser sieben Kompetenzen entwickeln sich in echter Begegnung besser als am Bildschirm — am Esstisch, auf dem Sportplatz, im Streit mit Geschwistern, im Aushandeln mit Freunden. Wer Kinder zu früh ins Digitale entlässt, nimmt ihnen genau die Übungsräume, in denen diese Fähigkeiten reifen. Und das ausgerechnet bei den vier Kompetenzen, die KI-immun sind.
Statt durch Feeds zu scrollen, haben meine Kinder Zeit und Ruhe, eigene Interessen zu entwickeln: Lesen, Sport, Ausgehen, Musik. Das, was andere Eltern als „verlorene Bildschirmzeit" beklagen, ist bei uns Zeit für die eigene Neugier.
Hausaufgaben in einem Rutsch statt in 17 unterbrochenen Etappen. Schlaf ohne Phantomklingeln. Aufmerksamkeitsspannen, die viele andere Eltern bei ihren Kindern schmerzlich vermissen.
Gespräche am Esstisch ohne „kurz nochmal aufs Handy gucken". Streit wird ausdiskutiert, nicht in WhatsApp-Threads ausgesessen. Wer im Raum ist, bekommt die volle Aufmerksamkeit.
Der präfrontale Kortex reift bis Mitte 20. Wer ihn täglich auf 8-Sekunden-Reize trainiert, formt das Organ, mit dem das Kind später entscheiden soll.
Langeweile, Scheitern, Warten: ohne dass sofort ein Reel die Lücke füllt. Genau dieser Muskel verkümmert, wenn jede Leerlaufminute zugewischt wird.
Endlos-Feeds und Streaks sind von Verhaltenspsychologen für Spielautomaten entwickelt worden. „Mein Kind geht verantwortungsvoll damit um" ist die Lüge, mit der Eltern sich selbst beruhigen.
Seit 2012 steigen bei Mädchen Depressionen und Selbstverletzung dramatisch. Wer den eigenen Wert in Herzchen misst, trägt das bis 40.
Mimik, Tonfall, Schweigen aushalten. Das lernt man nicht in Gruppenchats. Das, was später Karrieren und Ehen trägt, wird am Esstisch geübt.
Wer nicht permanent konsumiert, fängt irgendwann an zu erschaffen. Ein dauerbespieltes Kind wird ein konsumierender Erwachsener.
Motorik und Haltung entstehen durch Tun, nicht durch Tutorials. Schürfwunden statt Karpaltunnel.
Differenzierter Wortschatz entsteht durch Lesen, nicht durch Captions. Wer nur „cringe" und „mid" kennt, denkt auch so.
Was mit 11 in einem Klassenchat landet, ist mit 31 noch auffindbar. Kinder können das nicht überblicken. Eltern schon.
Bevor Kinder auf die digitalen Highways entlassen werden, brauchen sie einen digitalen Verkehrsübungsplatz. Erst die Beschränkung, dann die Begleitung.
Ich fordere ein gesetzliches Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige — nach dem Vorbild Australiens. Eltern brauchen ein staatliches Mandat, um Nein sagen zu können.
Die wichtigste Elternkompetenz im digitalen Zeitalter — und die unbeliebteste. Ein Nein, das man aushält, auch wenn alle anderen Ja sagen. Ein Nein, das langfristig oft das größere Ja ist.
Als Keynote-Speaker bringt Philipp das Thema Analoge Kindheit auf die Bühne — mit Haltung, Humor und echten Erfahrungen.